Schubfladen Reviews
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www.somasoma.de
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Schubfladen #1 (7", musikfladen/pingipung, www.musikfladen.de)
Mein echter Klang der 80er waren die Soundtracks zu den Computerspielen am Atari XL. Die 8Bit-Szenen um Atari und den Marktführer Commodore hatten ihre eigenen Musiklegenden, Soundtüftler, die die bescheidenen Möglichkeiten der Prä-Sample Era voll ausloteten, Leute wie Rob Hubbard oder Chris Huelsbeck, Demo-Gruppen, die die Grenzen immer neu definier ten.
Eine Lüneburger Labelzusammenarbeit bringt jetzt eine Vinyl-EP mit vier Tracks raus, die mit Synthies, C64, Gameboy, Kinderkeyboard und Casio an diesen Sound anschließen.

A Boy and his SID, Firestarter, Naomi Sample & The Go Go Ghosts und Mister Tingle treten den Beweis an, dass diese Sounds nicht überholt sind, dass sie auch in Songform passen, dass aus dem Kinderzimmer-Equipment ein Manifest werden kann. Das ist zuweilen trashig, liebevoll, und immer in die Beine fahrend. Schubfladen #1 trägt vor allem keinen Retro-Gestus spazieren, sondern fordert sein Hier und Jetzt ein.

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lichter Magazin
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The SidSyn is a MIDI monophon synthesizer, based on the good old SID, like MOS 6581.

Was zunächst sehr nach Computer Nerdism klingt, ist es tatsächlich auch.
Dennoch macht die 8-bit Musik, wie sie unter anderem gerade auf dem vorliegenden Sampler veröffentlicht wurde, eine sehr gute Figur. Zwischen Super Mario Bros. und den Space Invaders bewegen sich nicht ausschließlich sentimentale Kindheitserinnerungen an das eigene Jugendzimmer mit grauen Brotkisten und überdimensionierten, flexiblen Disketten im 5 ¼" Format. Vielleicht hat es tatsächlich auch zu einem Teil mit dem Revival und Nostalgie Rausch zu tun der allgegenwärtig ist, dass sich ein gewisses Interesse an den alten Personal Computern regt. Was sich zunächst in den Großen Elektro Märkten des Landes als Spiele Sammlung im Low Budget Bereich für den Mainstream durchsetzen konnte, hat sich bereits in einer kleinen Musikerszene manifestiert; die Rückkehr einer längst vergessenen Ästhetik. Jeder der jemals mit angesprochenem C64, dessen Nachfolger, dem C128 oder selbst einem Gameboy konfrontiert wurde, kennt die Soundeffekte, die den kleingewachsenen italienischen Klempner Mario beim Springen und Schleudern seiner Feuerbälle begleiten. Die Leistungsfähigkeit des dazu involvierten Chips SID (Sound Interface Device) – dem legendären und erfolgreichsten Soundchip der 8-bit Ära – zu eigen gemacht, kann dieser jedoch auch dem kreativen Output einer, wenn auch noch überschaubaren Musikszene dienlich sein.

Auf dem Cover der stilvoll als 7" erschienenen ersten Veröffentlichung des jungen Musikfladen Labels rast die kleine, pixelige Koopa Troopa Schildkröte aus dem Konsole Spiel Super Mario Kart den gepflasterten Platz am Lüneburger Sande hinab. Ein wenig Lokalpatriotismus darf man sich durchaus zugestehen, ist die alte Handwerksstadt doch eine kleine Hochburg was den liebevollen und enthusiastischen Umgang mit den 8-bit Chips anbelangt. Die vier darauf befindlichen Titel stammen dann jedoch aus ganz Deutschland und sind überraschend ambitionierte Elektropop Stücke die, Mal mehr Mal weniger, zum Tanzen auffordern. Gerade das erste Stück des Samplers Ninja Kornjace begeistert mit seiner Melange aus elektronischen Melodien, den überraschend groovenden C64 Beats und der wunderbaren Stimme von Natalie Kerkez, die auf Kroatisch die Geschichte einer Ninja Schildkröte erzählt. Julian Schmidt, der Kopf hinter der One-Man-Army A Boy And His SID, verwendet maßgeblich den alten Commodore 64 und "führt vor, dass der Sidchip auch heute kräftig nach vorne gehen kann", wie nicht nur der Pressetext zu berichten weiß. Aber es ist noch mehr als das liebevolle Zugeständnis an einen Computerfrickler; der Song ist ein wunderbares, leicht ins Ohr gehendes und dennoch keinesfalls plattes Stück Elektropop.

Das Musikfladen Label – der Name ergab sich aus einer Assoziation aus der von 1972 an über zwölf Jahre ausgestrahlten Fernsehsendung Musikladen, und der Formschönheit von Vinylplatten – entstand wie so oft aus der Not heraus, um sich in einer Tugend zu äußern. Nach zahlreichen Live Darbietungen zwischen Lüneburg und Brüssel konnte sich die 8-bit Musik für eine kleine Szene etablieren, und die Nachfrage nach Veröffentlichungen wurde größer.

"Dass ein Release gemeinsam mit anderen Bands, die man im Laufe der letzten eineinhalb Jahre kennen lernte noch viel sympathischer und spannender sein würde, stand außer Diskussion. Mein Wunsch war es schon seit Jahren, irgendwann ein kleines, feines Plattenlabel zu gründen. Nicht aus kommerziellen Gründen, sondern weil es irgendwann für mich einfach die logischste Konsequenz aus 15 Jahren Musiker Dasein ist; entweder aufhören und Erwachsen werden oder einen Schritt weitergehen und einfach mal schauen, was so passiert...",

erklärt Labelgründer Mike Witschi, auch Teil der auf dem Sampler vertretenen Naomi Sample & the Go Go Ghosts. Mit firestARTer aus Wuppertal ist auf "Schubfladen #1" eine Größe der Micromusik Szene vertreten, der sich besonders durch Hardware Erfindungen, wie dem SidSyn – einer Midisteuerung für C64 und Gamboy – einen Namen gemacht hat. Das Label selbst zeichnet sich durch seine Non-Profit Attitüde aus, denn das eingenommene Geld des ersten Release wird direkt in die Folgeprojekte investiert. Man erhofft sich auf diese Weise innovativen Künstlern eine Plattform zu bieten, welche "Lüneburg und dem Rest der Welt eine Prise mehr aus einer kleinen kulturellen Nische beschert, dem 8-bit Rock 'n' Roll".

Bei den zukünftigen Veröffentlichungen, so erklärt uns Witschi, wird sich Musikfladen nicht ausschließlich auf die 8-bit Szene beschränken, diese aber dennoch weiter im großen Stil bedienen. "Der zweite Schubfladen wird beim 8-bit-Sound bleiben, sich jedoch etwas deftiger präsentieren; Naomi Sample wird ohne seine Go Go Ghosts einen Song releasen, den er einst für seinen Großvater schrieb. Dieser Lo-Fi Punk Song und drei weitere rockigere 8-bit Stücke werden den zweiten Fladen schmücken."